Das Smithonian Museum in Washington besitzt zwei Instrumente in der Kategorie „electric bass guitar“. Eines ist das erste Exemplar seiner Art von Leo Fender. Das andere ist ein Sechs-Saiter von Jens Ritter.

2012, ein Jahr nachdem das Smithonian Ritter museal gemacht hatte, startete das Metropolitan Museum Of Art in New York eine eigene Sammlung elektrischer Bässe. Ihre erste Erwerbung: ein Ritter-Bass. Legendäre Musiker wie Prince, Doug Wimbish von Madonnas Tourband, Grateful-Dead-Mitbegründer Phil Lesh oder Jazz-Ikone George Benson spielen Ritters Bässe und Gitarren. Galeristen und Sammler aus aller Welt lecken sich die Finger nach seinen außergewöhnlichen Stücken. Dabei entstehen die Objekte der Begierde nicht in Produktionshallen in Scottsdale oder Nashville, sondern in einer kleinen Werkstatt in einem ehemaligen Weingut in Deidesheim an der Weinstraße.

Ein paar Häuser weiter, im Deidesheimer Hof, machte einst Kanzler Kohl seine Staatsgäste mit dem Pfälzer Saumagen bekannt. Sternegastronomie und Spitzenweingüter locken schon lange Gourmets und Urlauber nach Deidesheim. Und jetzt interessiert sich auch die Musik- und Kunstwelt für den – außerhalb seines Weinfests – beschaulichen Ort an der Weinstraße.

Doch warum die Kunstwelt? Ein Blick auf Ritters Instrumente macht klar: Mit ihren filigranen Formen, ihren vielfältigen Farben und Oberflächen sind sie keine reinen Gebrauchsgegenstände für Musiker. Wegen ihrer außergewöhnlichen Optik stellen Galerien und Museen in aller Welt die Hingucker aus. Ritter erklärt das als Teil einer kulturellen Entwicklung: „In den 50er Jahren waren elektrische Bässe und Gitarren günstige Werkzeuge für Musiker. Dann wurde die Gitarre zum Symbol einer kulturellen Bewegung, zum Schwert einer Revolution. Sie brachte immer mehr Energie in die Musik. Seit einiger Zeit nimmt die Bedeutung dieser Energie ab, elektronische Musik hat den Platz von handgemachter eingenommen. So wurden Gitarren und Bässe als Sammlerstücke interessanter“, sagt Ritter.

Ihn überrascht das „fachfremde“ Interesse nicht. „Ich war schon immer mit der Kunstwelt verbunden. Als ich Ende der 90er Jahre anfing, meine Instrumente zu bauen, wollte ich nichts kopieren, ich wollte eigene Formen entwickeln“, erzählt Ritter. Dabei beließ er es nicht bei unverwechselbaren Designs. Der gelernte Maschinenbauer setzte seinen Drang zu eigenen Entwicklungen auch bei Stegen, Tonabnehmern, der Elektronik und den Mechaniken um. Selbst am optimalen Winkel der Tonabnehmer zu den Saiten feilte er akribisch, um die Klangqualität zu optimieren.

Last saturday we had a photoshooting adventure in my local forest.

Ein von Jens Ritter Instruments (@jens.ritter) gepostetes Foto am

„Fachmagazine nennen ihn den deutschen Stradivari.“

Nur etwa 60 bis 70 seiner Meisterwerke, in kleinen Serien oder als Unikate, fertigt Ritter hier jedes Jahr zusammen mit seinem kleinen Team. Dazu gehören Lucas Popow in der Werkstatt, Danuta Leydinger im Büro und Vater Franz Ritter als guter Geist des Betriebs. Neben der selbstentwickelten Technik spielen die Hölzer natürlich eine große Rolle. Doch die stammen bis auf Ausnahmen nicht aus dem Pfälzerwald, was Ritter bedauert. „Ich bin in Bad Dürkheim geboren und war als Kind sehr viel im Wald, habe geschnitzt und mir Pfeil und Bogen gebaut. Bis heute ist der Wald für mich wichtig. Ich fahre gern alleine mit dem Mountainbike im Wald, das ist eine Art Meditieren“, sagt Ritter. Die meisten Hölzer des Pfälzerwaldes, so der Meister, sind nicht optimal für seinen Instrumentenbau. Das ideale Holz gibt es für ihn nicht, wohl aber das ideale Holz für den Kunden. Ist er bei der Wahl der Hölzer und ihrer jeweiligen Klangeigenschaften variabel, legt Ritter, Mitglied bei Greenpeace, auf eines Wert: Die Bäume für sein Holz müssen aus zertifizierter, nachhaltiger Forstwirtschaft stammen.

Auch bei der Farbgebung gibt es mehr als die klassische Lackierung. Für eine seiner Gitarrenserien etwa kaufte er in London bei einem Stoffhändler den Restbestand eines blaugründigen Brokats, um sie damit zu beziehen. Angesichts der Sorgfalt bei der gesamten Herstellung bis hin zum fertigen Instrument verwundert es nicht, dass Ritters Bässe und Gitarren nicht auf das typische Budget von Hobbymusikern zielen. So bietet Ritter, Fan der japanischen Küche, auch Instrumentenbau nach dem Omakase-Prinzip an. Wie einem Sushi-Koch gibt der Kunde seine Vorlieben an und überlässt den Rest dem Meister. Für ein solch einzigartiges Instrument muss er einen niedrigen fünfstelligen Euro-Betrag einplanen. Nach oben scheinen die Grenzen relativ offen: 2012 lieferte Ritter mit der „Flora Aurum“ den wohl teuersten Bass der Welt aus. 120.000 Euro war dem Sammler ein mit Diamanten und Platin bestückter Tieftöner wert.

„Gerade mal 60  bis 70 
handgemachte Instrumente verlassen jedes Jahr 
das Atelier.“

Ein Stück aus heimischem, ja sogar heimatlichem Holz wird Ritter dann doch in Angriff nehmen. Bei der alljährlichen Versteigerung der Deidesheimer Kerwebaum-Spitze erhielt er 2014 den Zuschlag. Als er den „Kerwebuwe“ erzählte, dass er gerne aus dem ganzen Baum, der geschmückt während des Weinfests den Deidesheimer Marktplatz zierte, ein Instrument bauen wolle, haben sie ihm die Fichte überlassen. Nach dem Termin im Sägewerk muss das Holz allerdings erst einmal ein paar Jahre lagern. Dann kommt der ersteigerten Baumspitze eine besondere Rolle zu: Sie ist für Inlay-Arbeiten auserkoren. Nun gilt Fichte allgemein als nicht besonders geeignet für den Bau von E-Bässen. So steckt dann auch hinter der Entstehung dieser „Kerwebaum-Gitarre“ eher eine gehörige Portion Lokalpatriotismus als die Suche nach dem optimalen Klang. „Wir werden trotzdem das Beste rausholen“, ist sich Ritter sicher und blickt auf den Stamm, der während unseres Gesprächs noch am Stück unter den Weinreben im Innenhof seines ehemaligen Weinguts liegt.

Nach den Musikern, der Fachpresse und den Museen interessiert sich inzwischen eine weitere Klientel für Ritters Werke. Eine thailändische Königstochter lud ihn ein, seine Instrumente in Bangkok auszustellen. Und auch im Präsidentenpalast von Abu Dhabi waren sie schon zu sehen.

Hat man im Ausland keine Probleme, Ritters Instrumente als Kunstwerk anzuerkennen, gelten sie hierzulande als Kunsthandwerk. Schließlich haben sie ja eine Funktion. Mit genau dieser Unterscheidung setzt sich Ritter bei einer Ausstellung der Pfalzgalerie in Kaiserslautern künstlerisch auseinander. Neben voll funktionstüchtigen Instrumenten stellt er dort solche aus, die er so verändert hat, dass man nicht mehr darauf spielen kann. Nur weil sie ihre Funktion verloren haben, dürfen sie Kunst sein.

Mit seinen außergewöhnlichen Formen hat Ritter das Interesse der Kunstwelt erweckt.

Puppets of the Indonesian TV helping us sanding the instruments…

Ein von Jens Ritter Instruments (@jens.ritter) gepostetes Video am

Bei einer Aktion im Deidesheimer Sektgut Menger-Krug ging es eigentlich nur um die Kunst. Ritter leitete die Töne einer permanent in Schwingung gehaltenen Bass-Saite durch verschiedene Effektgeräte in ein Rieslingfass. Das regte überraschenderweise die Gärung in dem Fass merklich an. Diese akustisch angeregte verstärkte Bläschenbildung ist vermutlich ein noch unbeschriebener Effekt. Die Gärgeräusche wiederum verstärkte Ritter und leitete sie an die Tonabnehmer des Basses, was dessen Ton wieder veränderte. Ob der Effekt den Geschmack des Rieslings verändert hat, lässt sich noch nicht feststellen. Der kann erst im Frühjahr entkorkt werden. Sollte er dann tatsächlich anders schmecken, würde aus der künstlerischen Installation in den strengen Augen des deutschen Feuilletons im Nachhinein wieder eine kunsthandwerkliche Methode der Rieslingveredlung.

Jens Ritter kann das egal sein. Ganz gleich, ob andere seine Werke als Kunst oder Kunsthandwerk bewerten. Er baut einfach die bestmöglichen, individuell auf seine Kundschaft abgestimmten Instrumente. Hier, mitten in der Pfalz.

Text: Achim Wagner
Fotos: diepfalz.de, Jens Ritter

Today: Blue!

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Links

Jens Ritter › ritter-instruments.com
Deidesheim › deidesheim.de
Sektgut Menger-Krug › menger-krug.de

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Summary
Photo ofJens Ritter
Name
Jens Ritter
Website
Job Title
Gitarrenbauer
Company
Jens Ritter Instruments
Address
Weinstrasse 19,
67146 Deidesheim, Rheinland Pfalz, 67146