„Wir haben Bock auf genau so ein Bier, deshalb machen wir das“, sagt Jochen Stange von den Medienagenten aus Bad Dürkheim. Mitten in einer Weingegend steigt eine Werbeagentur, deren Kundenstamm sich größtenteils aus Winzern zusammensetzt, mit ihrem „Haardt Pils“ ins Braugeschäft ein.

Beim literarischen Frühschoppen, einer Traditionsveranstaltung auf dem weltgrößten Weinfest, dem Dürkheimer Wurstmarkt, wurden sie dafür im vergangenen Jahr gar als Verräter bezeichnet. Dabei ziehen die Medienagenten nur mit mehr – soll man es Risikobereitschaft oder Entschlossenheit nennen – durch, was ein paar Nummern kleiner in der Pfalz und andernorts eine Untergrundbewegung geworden ist. Denn in vielen kühlen Kellern der Republik reift eine große Vielfalt an selbstgebrauten Bieren, die industriell hergestellter Gerstensaft nicht bieten kann. Vom Pale Ale, Brown Ale, India Pale Ale über Weizen zu Pils und Bock sowie allerlei eigenen Variationen reicht die Bandbreite der Kleinstbrauer. Mit kleinen Chargen lässt sich einfach besser experimentieren.

Inzwischen hat die Weinstraße in Michael Kiupel aus Wachenheim sogar den ersten nicht-bayerischen, IHK-geprüften Bierbotschafter. Seit 2011 braut er mit seinem Freund Peter Acker unter der Bezeichnung „Rumpelstilzchen“ diverse Bierspezialitäten.

Schnorres Bier aus Winnweiler

Schnorres Bier aus Winnweiler ©Robin Hack

Schnorres Bier aus Winnweiler

Im Eiskeller © Robin Hack

Hans-Jürgen Holle aus Ruppertsberg, ein Kenner der regionalen Hobbybrau-Szene, trifft sich zweimal im Monat zum Ideenaustausch mit einem guten Dutzend gleichgesinnter Pfälzer Biermacher. „In Deutschland gibt es mehr als 10.000 registrierte Hobbybrauer“, sagt Holle. „Der Trend ist schon vor Jahren aus Amerika zu uns rübergeschwappt. Die Pfalz ist prädestiniert für gutes Bier. Hier sind viele durch die Aromenvielfalt des Weins sensorisch vorgebildet. Und Bier hat mindestens ebenso viel Aromen zu bieten wie Wein“, sagt Holle. Seit inzwischen fünf Jahren braut er selbst. Mit seinem Anspruch wuchsen auch die Gerätschaften: er begann mit einem Einkochtopf und kann seinen Sud jetzt in einem 200-Liter-Topf ansetzen.

Doch wie vielen seiner Kollegen fehlt es ihm an Lagerkapazitäten – anders als industriell hergestellte Biere, die nach ein paar Tagen abgefüllt und verkauft werden, bekommen handwerklich gebraute mehr Zeit zu reifen. Mindestens vier Wochen gibt Holle seinem „Zebulon“, manche seiner Kreationen probiert er erst nach sechs Monaten. Nachschub brauen kann er dann erst wieder, wenn genug Fässer oder Flaschen leer sind.

„It takes a lot of good beer to make a good wine.“

IN DER BRAUEREI – Verkostung des Bieres © Till van Loosen
IN DER BRAUEREI – Verkostung des Bieres © Till van Loosen

In den Regalen von Geschäften oder den Zapfhähnen von Lokalen findet sich die Vielfalt der Biere, die in der Pfalz entstehen, jedoch nur in Ausnahmefällen. Schon gar nicht in überregionalen Supermärkten, die sich ihren Regalplatz teuer bezahlen lassen. Dort stehen neuerdings Ales der großen Brauereien, die den Trend wahrgenommen haben und mit eigenen Ales auf den Craftbeer-Zug aufspringen.

Doch liegt es nur an den Marketingkosten? „Lebensmittelrecht und Bürokratie machen die Vermarktung schwierig“, sagt Holle. Auf der „Bierinale“, einer Messe für handwerkliche Braukunst, die Holle 2014 in Deidesheim organisiert hat, trafen sich zwar etliche Brauer der Region, nicht alle durften ihr Bier dort aber verkaufen. Dabei verhinderten nicht steuerrechtliche Gründe – jeder Brauvorgang muss beim zuständigen Hauptzollamt angemeldet werden –, sondern die strengen lebensmittelrechtlichen Auflagen den Verkauf.

Wobei auch das zollamtliche Misstrauen seltsame Züge annehmen kann. So weiß Holle von befreundeten Brauern zu berichten, die eines Tages Besuch von vier Zollbeamten aus dem fast zwei Autostunden entfernten Saarbrücken bekamen. Sie sollten überprüfen, ob die steuerfreie Menge von 200 Litern Bier nicht überschritten wurde. Wurde sie nicht. Und selbst wenn, wären dem Fiskus selbst bei der zehnfachen Menge nicht mehr als 30 oder 40 Euro an Steuern entgangen. Solche lebensmittel- und steuerrechtlichen Hürden haben die Dürkheimer Medienagenten schon genommen.

Die Idee vom eigenen Bier, geboren beim Junggesellenabschied während eines Braukurses bei BrauArt im pfälzischen Sausenheim, ist zu einem naturtrüben Pils mit „Wums“ geworden. Ausgerechnet während des Wurstmarkts, DEM Weinfest schlechthin, zapften sie die ersten 1000 Liter ihres „Haardt Pils“ an. Gebraut haben sie es mit einem befreundeten Braumeister in einer bis dahin stillgelegten Brauerei in Grünstadt. Dort war einige Jahre nachdem das letzte Bier produziert wurde, einiges instand zu setzen. Doch der Testballon zum Wurstmarkt ist bei vielen sehr gut angekommen.

Ende 2015 sollte die Brauerei wieder vollständig einsatzfähig sein und der Startschuss für die Produktion fallen. „Das Pils ist kein Hobby. Es soll sich selbst tragen. Die Preisfindung ist nicht einfach, und auch die Vertriebswege müssen wir noch ausloten“, erzählt Stange. „Unser Pils soll sich als das bessere Alltagsbier etablieren. Eigentlich ist es aus Sicht der Werber ja schlecht, keine klare Position zu haben. Doch unser Bier soll zwischen den Craft- und den Fernsehbieren stehen. Im Alltag trinkbar, ohne weichgespült zu sein.“

Doch macht das eigene Bier die Weinwerber zu Verrätern, wie ein Heimatdichter es während des abgelaufenen Wurstmarkts formulierte? Jochen Stange antwortet darauf mit einem Spruch, den er schon von vielen Winzern gehört hat: „It takes a lot of good beer to make a good wine.“

Text: Achim Wagner
Fotos: KGP | Robin Hack | Till van Loosen

Links

Der Versuch einer Auflistung von realen und virtuellen Orten, an denen es Bier von hier oder Informationen dazu gibt:

Schnorres › schnorres.net

Prinz Ludwig Hausbrauerei › prinzludwig-hassloch.de

Göcklinger Hausbräu › goecklingerhausbraeu.de

Domhof Hausbrauerei › domhof.de/hausbrauerei-domhof

Hausbrauerei Jesa › hausbrauerei-jesa.de

Haardt Pils › haardt-bier.de

Brauart Sausenheim › brau-art.jimdo.com

Bierinale › bierinale.jimdo.com

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