Noch nie gab es in der Pfalz so viele gute Weine wie heute. Dies ist eine Entwicklung der letzten 30 Jahre, in denen sich der Pfälzische Weinbau mehr veränderte als in den 100 Jahren zuvor. Das hatte viele Gründe: bessere Ausbildung, mehr Weltoffenheit, damit der Zugang zu internationalem Know-how, gestiegenes Qualitätsbewusstsein und das Engagement einiger Vor- und Andersdenker.

Einer dieser Pioniere ist Hans-Günter Schwarz. Im zarten Alter von 19 Jahren wurde er 1961 überraschend Betriebsleiter des Haardter Weingutes Müller-Catoir. Der nächstjüngste Mitarbeiter war damals 58. Da musste sich Schwarz, zur damaligen Zeit noch nicht einmal volljährig, erst einmal Respekt verschaffen. „Stell Dich in die Mitte, wenn’s schwer wird“, riet ihm sein älterer Bruder Waldemar, der für Hans-Günter so etwas wie ein Tutor war. Schwarz war im unruhigen Alter von 15 Jahren schon Vollwaise. Er befolgte den brüderlichen Rat, zum Beispiel wenn es darum ging, Stickel mit damals noch archaischem Gerät mühsam in den Boden zu rammen. Das machte Eindruck.

Fachlich machte ihm sowieso keiner was vor. Die Kenntnisse in Weinbau und Oenologie brachte er von der Weinbauschule Veitshöchheim mit, bekam bei Müller-Catoir nicht nur gleich die Verantwortung, sondern auch noch völlig freie Hand. Nun hätte sich der junge Schwarz bequem auf seinem Wissensvorsprung ausruhen können, doch er entwickelte im Laufe der Zeit eine Vision und brachte sogar den Mut auf, gängige Lehrmeinungen zu hinterfragen – um dann alles völlig umzukrempeln.

Die zahllosen önologischen Eingriffsmöglichkeiten im Keller standen seinem unbändigen Willen, die Frucht der Traube möglichst klar und brillant auf die Flasche zu bringen, entgegen. Bentonit-Schönung, Gelatine, Enzyme und sonstige Behandlungsmethoden waren ihm zu große Eingriffe in das „innere Gefüge des Weines“, wie Schwarz die fragile Grundstruktur des Rebensaftes nennt. „Den Wein im Keller so wenig wie möglich bewegen“ war seine Maxime und „zum richtigen Zeitpunkt das Falsche unterlassen“, wie er gerne augenzwinkernd ergänzt. Im Keller also „kein überflüssiger Aktionismus“ sondern „kontrolliertes Nichtstun“. „Der Wein wird im Weinberg gemacht“, war ihm schon früh klar. Kein Aufwand war dabei zu groß. Wenn man sich damals mit ihm unterhielt, hatte man den Eindruck, dass er jeden einzelnen Rebstock der immerhin rund 20 Hektar persönlich kennt.

Kein Eingriff in das innere Gefüge des Weins:
 „Den Wein im Keller so wenig wie möglich bewegen.“

Heraus kamen saftige, fruchtbetonte, dabei geradlinig-frische Tropfen bislang kaum gekannter Präzision und Brillanz. Mit ihrer ungeheuren Strahlkraft übernahmen die Catoir-Weine Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger qualitativ die Führung in der Pfalz, setzten sich schnell an die Spitze in Deutschland, um schließlich Weltruhm zu erlangen.

So manch ausländischer Importeur verließ das beeindruckende Catoirsche Sandstein-Anwesen in Haardt mit Tränen in den Augen, weil er nicht so viel Wein kaufen durfte wie er gerne wollte – und die Weine einen sowieso nie unberührt ließen. Selbst der Liter-Riesling war schon ein geschliffener Genuss.

Catoir war der erste, der sich traute, für einen Liter-Wein, die unterste Einstiegsqualität, über fünf D-Mark zu verlangen, als er bei vielen Kollegen noch für die Hälfte zu haben war. Irgendwann Ende der Neunziger war die Hürde von zehn D-Mark überschritten, was bundesweit bis zur Euro-Einführung niemand wagte.

Durch das Renommee und die Aura des Besonderen wurde das Weingut Müller-Catoir auch zu einem beliebten Ausbildungsbetrieb. Bei Hans-Günter Schwarz in die Lehre zu gehen, war eine ähnlich hoch einzuschätzende Referenz wie eine Kochlehre bei Paul Bocuse. Viele der heutigen Spitzenwinzer der deutschen Wein-Szene (Hans-Jörg Rebholz, Markus Wöhrle, Frank John, …) absolvierten ihre Ausbildung bei Schwarz oder belegten dort wenigstens ein Praktikum. Zahlreich waren auch die Kollegen, die zu ihm pilgerten, um mit ihm seine Weine zu probieren, hingen an seinen Lippen und gingen beseelt und bereichert wieder nach Hause. Schwarz war da immer sehr offen, teilte gerne seine Kompetenz und Erfahrung mit Kollegen, auch um sich und seine Weine ständig immer weiter zu entwickeln.

Heute, nach 41 Jahrgängen, genießt Hans-Günter Schwarz mit Frau Sabine seinen Ruhestand im Weindorf Haardt. Sein Rat, immer überlegt und vorsichtig abwägend, ist nach wie vor gefragt. Vor allem während der Erntezeit vergeht kaum eine Stunde, ohne dass sein Handy klingelt …

Text: Michael Hornickel [mHo]
Foto: diepfalz.de

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Sieben Fragen an Hans-Günter Schwarz

Wie sind Sie zum Wein gekommen?

Nach der Schule wusste ich nicht so genau, was ich machen sollte. Mein älterer Bruder Waldemar, selbst Winzer, brachte mich auf die Idee und weckte in mir die Leidenschaft für Rebe und Wein.

Was war Ihre größte berufliche Herausforderung?

Eindeutig der Jahrgang 2000. Der Gesundheitszustand der Trauben hat eine kaum vorstellbare selektive Arbeit bei der Lese erfordert, um dem hohen qualitativen Anspruch der MC-Weine zu genügen.

Was fällt Ihnen spontan ein, wenn Sie an Weißwein denken?

Beerigkeit, Frucht, Säure und Mineralität in perfekter Abstimmung, verbunden mit großer Genussbereitschaft. Da läuft mir schon das Wasser im Mund zusammen.

Was fällt Ihnen spontan ein, wenn Sie an Rotwein denken?

Da denke ich an voluminöse Geschmacksfülle, bei tiefgründig reifem Tannin, eingebunden in dezente Holzprägung und zarten Schmelz roter Waldbeeren. Ich mag keine schlanken Rotweine.

Ihr Lieblingswein?

Das ist eine ganz schwierige Frage. Jeder große Wein, der bei seiner Werdung die bestmögliche Zuwendung erfahren hat: Mit größter Sensibilität im Weinberg und im Keller.

Ihr Lieblingsplatz oder Ihre Lieblingsaktivität in der Pfalz?

Schon als Jugendlicher hat mich die Burg Trifels fasziniert. Der geschichtliche Hintergrund und der herrliche Ausblick begeistern mich nach wie vor. Ich habe dort vor fünf Jahren geheiratet.

Schenken Sie uns ein Motto:

Die Zeit vergeht, wie schnell ist nix getrunken. Es muss nicht wenig sein, aber gut.

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Weingut Müller-Catoir › mueller-catoir.de
Weinbauschule Veitshöchheim › fachschule-veitshoechheim.bayern.de

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„Kontrolliertes Nichtstun“ – Winzerlegende Hans-Günter Schwarz
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Noch nie gab es in der Pfalz so viele gute Weine wie heute. Das verdanken wir u.a. dem Engagement einiger Vor- und Andersdenker wie Hans-Günter Schwarz.
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