Ein neues, kaum bekanntes Virus grassiert in der Pfalz. Lange hat sich die lebhafte Provinz tapfer gegen den Eindringling gewehrt, aber jetzt ist der Widerstand gebrochen. Das Virus kommt aus Frankreich, heißt Pétanque und ist verantwortlich für einen bisher kaum gekannten Müßiggang in der Pfalz.

Frankreich-Urlauber haben es schon einmal gesehen. Da stehen auf einem Dorfplatz Leute herum und werfen Eisenkugeln auf den Boden. Schnell begreift man, dass dies irgendeinem System folgt und man offensichtlich viel dabei reden muss. Hier wird Boule gespielt, oder genauer: Pétanque.

Das Kugelspiel, vor 100 Jahren in Südfrankreich geboren, dort Sportart Nummer eins, begann etwa in den achtziger Jahren seinen Siegeszug um die Welt, eroberte zuerst die frankophon angehauchten Länder wie Belgien, Schweiz oder Kanada, natürlich Nordafrika und die Elfenbeinküste, um schließlich in alle Erdteile einzufallen. Heute wird in über 40 Ländern organisiert Pétanque gespielt, sodass selbst das Internationale Olympische Komitee nicht um eine Anerkennung als Sportart herum kam.

Nach Deutschland kam das Spiel relativ spät, so ab Ende der siebziger Jahre und auf unterschiedlichste Weise. Die französischen Alliierten im Südwesten der Bundesrepublik und in Berlin schleppten das Virus schon bald nach dem Krieg ein. So gehörte ein Boule-Platz ebenso zur Grundausstattung einer französischen Kaserne wie der Exerzierplatz. Irgendwann nach Festigung der Deutsch-Französischen Freundschaft bekamen dort vereinzelt auch deutsche Zivilisten Zugang zu dem Zeitvertreib. Meist waren es jedoch deutsche Südfrankreich-Urlauber, die Pétanque und Pastis aus der Provence mitbrachten. Dabei zeigte sich die Sozialisation der neuen Fans äußerst bunt gemischt. In Berlin und Baden waren es eher frankophile Intellektuelle, die Gefallen an dem Arbeitersport fanden, während die Kugeln im Saarland vorwiegend das auch in Frankreich übliche Werktätigenmilieu fanden.

Die Pfalz blieb kurioserweise lange resistent. Vielleicht lag es daran, dass es hier genug andere sinnvolle Freizeitbeschäftigungen gibt, wie etwa Wandern, Worscht oder Weintrinken. So eroberte Pétanque in den Achtzigern nach dem Saarland und Baden-Württemberg zunächst Nordrhein-Westfalen und Norddeutschland, übersprang sozusagen die Pfalz, in der das vergnügliche Kugelspiel erst in den Neunzigern so richtig Fuß fasste.

Dann ging es hier aber rasant los. Heute spielen fast 1.700 Rheinland-Pfälzer in über 50 Vereinen organisiert Pétanque (Bundesgebiet: 16.700). Über die Hälfte der rheinland-pfälzischen Klubs, genau 30, hat ihren Sitz in der Pfalz, davon wiederum etwa die Hälfte entlang der Weinstraße.

Schnell wurde das Spiel institutionalisiert und in Ligen organisiert, wie in anderen Sportarten auch. In der Rheinland-Pfalz-Liga kämpfen acht Teams, klar von der Pfalz dominiert, um den höchsten regionalen Titel. Darunter gibt es eine Regionalliga Nord und Süd mit jeweils sechs Teams, die sich immer aus je sechs Spielern zusammensetzen. Wieder darunter werfen 61 Ligamannschaften in verschiedenen Bezirksligen, auch hier die meisten in der Pfalz, eifrig ihre Kugeln um die Wette.

BOULE-SPIEL – Pétanque © diepfalz.de

BOULE-SPIEL – Pétanque © diepfalz.de

BOULE-Spieler – Pétanque © diepfalz.de

BOULE-SPIELER – Pétanque © diepfalz.de

Was macht die Faszination des Pétanque aus?

Wie bei allen erfolgreichen Spielen ist das Spielprinzip im Grunde ganz einfach. Wer einmal mitmachen durfte, hat die Grundidee schnell kapiert: es stehen sich immer zwei Parteien gegenüber mit der gleichen Anzahl Kugeln, die möglichst nahe an eine sechs bis zehn Meter entfernt liegende kleine Zielkugel gespielt werden müssen. So einfach ist das. Nun wirft nicht einfach jede Partei abwechselnd nach und nach ihre Kugeln. Vielmehr wird versucht, es dem Gegner möglichst schwer zu machen. Wenn zum Beispiel Team A beginnt und seine erste Kugel recht nahe an der Zielkugel platziert, muss nun Team B solange spielen, bis eine ihrer Kugeln besser liegt als die von Mannschaft A. Das kann bestenfalls schon mit der ersten gelingen, stellt man sich hingegen dusselig an, oder hat der Gegner den Weg gut zugemacht, kann es sein, dass man alle zur Verfügung stehenden Kugeln verspielt. Dann ist wieder A dran und kann weitere Kugeln anlegen. Für jede Kugel, die näher liegt als die beste des Gegners, erhält man einen Punkt. Sind alle Kugeln gespielt, ist die Aufnahme beendet und es werden die Punkte gezählt (oft ist es aber auch nur ein einziger). Danach werden die Kugeln aufgehoben und die nächste Aufnahme begonnen. Wer zuerst 13 Punkte erreicht, hat das Spiel gewonnen.

Das klingt so simpel, wie es eigentlich auch ist, doch gestaltet sich das Spiel mit wachsendem Können immer komplexer. Pétanque bietet unendliche Möglichkeiten, keine Aufnahme gleicht der anderen. Da geht es nicht nur um simples Heranlegen der Kugeln an die Zielkugeln, sondern um Taktik und Psychologie. Ab einem gewissen Niveau werden gegnerische Kugeln weggeschossen, was unter Profis der Standard ist. Da trennt sich dann ganz klar die Spreu vom Weizen. Die Bandbreite geht beim Pétanque, ähnlich dem Golf, von Nicht-mal-Platzreife bis hin zur Weltklasse.

Um es wirklich zu begreifen, spielt man am besten einfach mal mit. In der Pfalz gibt es hierfür inzwischen in vielen Dörfern und Städten die Möglichkeit. Neulinge sind in der Regel herzlich willkommen. Bei Pfälzern sowieso.

Chef @fcogallegos jugando #Petanque en Decantos, DESCALIFICADO 🍷 #ValleDeGuadalupe

Ein von VINICOLA DECANTOS (@decantosvinicola) gepostetes Video am

Wann und wo treffen sich die Boule-Spieler?

Jeden Tag rollen irgendwo in der Pfalz die Kugeln. In einigen Städten und Dörfern treffen sich die Spieler regelmäßig, an Werktagen meist abends, an Wochenenden auch schon nachmittags, falls nicht gerade irgendwo ein Turnier stattfindet. Es versteht sich von selbst, dass dies vor allem ein Vergnügen für die warme Jahreszeit ist, im Winter spielen nur die Verrücktesten. Davon gibt es aber reichlich.

SCHON WIEDER KUGELN – Pétanque © diepfalz.de
SCHON WIEDER KUGELN – Pétanque © diepfalz.de

Kleines Glossar des Pétanque-Spielers

Boule
Heißt übersetzt „Kugel“ und ist eigentlich der Oberbegriff für verschiedene, verwandte Kugelspielarten („jeux de boules“) wie etwa die historischen Vorgänger „boule lyonnaise“, „jeu provencal“ oder gar das italienische „boccia“.

Pétanque
Kommt aus dem Provenzalischen „ped tanco“, was „Füße zusammen“ bedeutet und die Grundstellung im Abwurfkreis beschreibt (im Gegensatz zum älteren „jeu provencal“, das auf einem Bein stehend gespielt wird).

Pointer
Legen, also eine Kugel möglichst nahe an die Zielkugel platzieren.

Tirer
Schießen, eine gegnerische Kugel wegschießen.

Carreaux
So heißt der kunstvolle Schuss, bei dem die Schusskugel exakt den Platz der geschossenen gegnerischen Kugel einnimmt.

Bouchon
Einer der vielen Namen für die Zielkugel aus Holz (heute auch aus Kunststoff), die in Deutschland auch „Schweinchen“ (frz. „cochonnet“), in der Pfalz meist „Sau“ genannt wird.

Tête-à-tête
Einzelspiel, einer gegen einen, jeder mit drei Kugeln.

Doublette
Das Doppel, also zwei Spieler in einer Mannschaft, ebenfalls jeder mit drei Kugeln.

Triplette
Die Dreier-Mannschaft, die Königsklasse, jeder Spieler mit zwei Kugeln.

Links

Bouleplatz Wachenheim
angrenzend an den Campingplatz/Gaststätte „Am alten Sportplatz“
06322-65245, les-amis-de-boule-wachenheim.de


Bouleplatz Gönnheim
neben dem Landgasthof „Zur Gänsewiese“
06322-943550, bouleclub-gönnheim.de

Bouleplatz Kleinkarlbach, Bouleplatz Grünstadt
06359-8001820

Bouleplatz Deidesheim
Im Erlebnisgarten
06326-96770

Bouleplatz Haßloch
Siegfried-Perrey-Straße 4 am Sandbuckel
skiclub-hassloch.de

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Pétanque – Legen oder Schießen?
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Ein neues, kaum bekanntes Virus grassiert in der Pfalz. Lange hat sich die lebhafte Provinz tapfer gegen den Eindringling gewehrt, aber jetzt ist der Widerstand gebrochen.
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