Bauen beim Winzer erlebt eine neue Ära. Es wird nicht mehr nur funktionell gedacht, vielmehr verbindet die moderne Weinarchitektur Weinerzeugung, -präsentation und -genuss zu einem attraktiven Gesamtkonzept.

Sie nimmt den roten Faden, der sich von Weinberg über Keller bis hin zum Endprodukt spannt, in das Erscheinungsbild auf. So ermöglicht die Symbiose aus Wein und Architektur völlig neue sinnliche Erfahrungen. Der Weinbau ist sozusagen ein gutes „Terroir für Baukultur“, wie es der Präsident der rheinland-pfälzischen Architektenkammer, Stefan Musil, nennt. Wir zeigen innovative Beispiele. Ein Weinkeller muss erst einmal funktionell sein. Doch da Weintourismus und somit die Direktvermarktung ab Erzeugerbetrieb im Trend sind, nehmen Weingutstouren mit Kellerbesichtigungen zu. Kulturhaus und Fasskeller müssen also vorzeigbar sein. Darüber hinaus werden Präsentations- und Verkaufsräume benötigt. Für die Weinprobe war einst, wenn überhaupt, irgendwo eine Ecke eingerichtet oder man stand mit einem (oft unpassenden) Glas in der Hand im feuchten Fasskeller. Bestenfalls wurde zum Verkaufsgespräch in die gute Stube geladen. Das alles entspricht nicht mehr heutigen Komfortansprüchen.

MARKUS SCHNEIDER – Ellerstadt © diepfalz.de

MARKUS SCHNEIDER – Ellerstadt © diepfalz.de

Weinliebhaber wollen Genuss rundum und erwarten ein entsprechendes Ambiente bei ihrem Besuch auf dem Weingut. So schaffen seit einigen Jahren immer mehr Winzer mit anspruchsvoller Architektur ein der Qualität ihrer Weine angemessenes Umfeld für Präsentationen und Verkostungen. Kathedralen des Weins wie in Bordeaux (etwa das spektakuläre „Wein-Theater“ von Pichon Longueville) oder Kalifornien (Opus One, wie ein Pyramide, jedoch mit rundem Barrique-Keller), wo sich Stararchitekten mit hohen zweistelligen Millionen-Budgets verwirklichen konnten, sind in der Pfalz allerdings noch nicht realisiert worden. Hier beschränken sich die Weinbaubetriebe im Wesentlichen auf die Erneuerung der Empfangsmöglichkeiten. Aus biederen Weinprobierstuben werden schicke Vinotheken. Dabei wird heute darauf geachtet, Weinerzeugung, Weinpräsentation und Weingenuss zu einem attraktivem Gesamtkonzept zu verbinden. In einem guten Weinbaubetrieb spinnt sich ein klar definierter roter Faden von Weinberg über Keller bis zu Aussehen und Inhalt der fertigen Flasche. Alles muss zusammen passen. Dabei ist ganz klar, dass auch der Außenauftritt diesen roten Faden aufnehmen muss, um glaubwürdig zu erscheinen.

WEINGUT HENSEL – Bad DÜrkheim © diepfalz.de

WEINGUT HENSEL – Bad Dürkheim © diepfalz.de

Architekturpreis Wein

Der bundesweite Architekturpreis Wein wird seit 2007 alle drei Jahre vom rheinland-pfälzischen Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft, Ernährung, Weinbau und Forsten, dem Deutschen Weinbauverband und der Architektenkammer Rheinland-Pfalz verliehen. In 2007 ging der Preis an Bauherren und Architekt des Weingutes Kreutzenberger, 2010 war kein pfälzischer Sieger dabei, 2013 dafür gleich zwei.

WEINGUT KREUTZENBERGER – Kindenheim © diepfalz.de

WEINGUT KREUTZENBERGER – Kindenheim © diepfalz.de

ARCHITEKTURPREIS 2007

Weingut Kreutzenberger, Kindenheim

Das Weingut Kreutzenberger ist ein kleiner, klassischer, traditionsreicher Familienbetrieb im nordpfälzischen Kindenheim. Emil Kreutzenberger errichtete bereits 1929 das heutige Gutshaus im avantgardistischen Stil der Berliner Bauhaus-Epoche. Aufgrund der steigenden Direktvermarktung wurde eine Erweiterung notwendig. 2004 begannen die dreijährigen Um- und Erweiterungsbauarbeiten, die fast alle Teile des Weingutes einbezogen.

Aus der Wertung der Jury:
„Im Weingut Kreutzenberger vereinen sich historische und zeitgenössische Elemente … Das überarbeitungsbedürftige Weingut wurde in Respekt vor der klassischen Moderne und der Gesamtanlage ohne Brüche zu einem Ensemble ergänzt. Dabei gelang es… auch die Vinifikaton für die Besucher erlebbar zu machen.“

ARCHITEKTURPREIS 2013

Weingut von Winning, Deidesheim

Das ehemalige Weingut Dr. Deinhard, ein denkmalgeschütztes Ensemble aus Villa, Wirtschaftsgebäude und Parkanlage aus dem 19. Jahrhundert, wurde 2007 von dem Neustadter Unternehmer Achim Niederberger übernommen. Aufgrund der Namensverwandtschaft zum Markensekt Deinhard wurde es in von Winning, nach dem qualitätsorientierten ehemaligen Eigentümer Leopold von Winning, umgetauft. 2009 und 2010 wurde das Weingut dann umfassend saniert und umgestaltet.

 

Rebschule Freytag, Neustadt an der Weinstraße

Die Rebschule Freytag im Neustadter Ortsteil Lachen-Speyerdorf wurde vor 60 Jahren gegründet und gehört heute zu einer der größten in Deutschland. Hier war kein Kellerumbau oder Vinothek-Neubau erforderlich, sondern die Errichtung einer Empfangs-, Veranstaltungs- und Schulungsräumlichkeit unter dem vorhandenen Dachstuhl.

Aus der Wertung der Jury:
„Holz und Schiefer dominieren den handwerklich soliden Innenausbau … Die gewählten Materialien für Möbel und Innenausbau knüpfen an die Solidität des vorgefundenen Dachraums an, setzen aber durch die Verdrehung der Achsen spannungsvolle Akzente und ordnen unterschiedlichen Funktionen ihre jeweilige Raumzone zu, ohne den weitläufigen Dachraum zu zerstückeln.“

Die Sanierung „ … geschah in großem Respekt vor der historischen Substanz, die durch die Maßnahmen im besten Sinne wieder in Funktion und in Wert gesetzt wurde … Sensibel … bis in die Tiefe durchdacht.“

Text: Michael Hornickel [mHo]
Fotos: diepfalz.de

Links

Weingut Kreutzenberger, Kindenheim › kreutzenberger.com
von Winning, Deidesheim › von-winning.de
Rebschule Freytag, Neustadt › rebschule-freytag.de
Weingut Hensel, Bad Dürkheim › henselwein.de
Markus Schneider, Ellerstadt › black-print.net

Weitere Beiträge

Summary
Article Name
Architektur und Design erobern den Weinbau
Description
Bauen beim Winzer erlebt eine neue Ära. Es wird nicht mehr nur funktionell gedacht, vielmehr verbindet die moderne Weinarchitektur Weinerzeugung, – präsentation und – genuss zu einem attraktiven Gesamtkonzept.
Publisher Name
Die Pfalz
Publisher Logo