Forster Ungeheuer? Klingt unheimlich. Gimmeldinger Meerspinne? Nicht gerade appetitlich. Wachenheimer Gerümpel? Das lässt nichts Gepflegtes erwarten. Wein-Lagen führen oft seltsame Namen. Dabei sind sie die Visitenkarte ihrer Gewächse. Lagen sind historisch gewachsene Einheiten, ihre Bezeichnungen aus Zeiten vor Grundbuch und Kataster aber freie Erfindungen. Hier ein kleiner Einblick in die Lagenwelt entlang der Deutschen Weinstraße.

Über 300 Weinlagen sind in der Pfalz erfasst. Heute lassen sie sich fein säuberlich vermessen im Kataster nachschlagen, früher waren sie in ungezählte Gewanne gegliedert, denen Phantasiebezeichnungen gegeben wurden, um sie einzelnen Eigentümern zuordnen zu können. Um die Besitzverhältnisse im Überblick zu behalten, mussten die Namen zudem unverwechselbar sein, was bisweilen zu kuriosen Wortschöpfungen führte.

Inzwischen wurde unter anderem per Flurbereinigung und dem 1971er Weingesetz kräftig aufgeräumt, die Gewanne verschwanden, einige vererbten aber den neu definierten Lagen ihre althergebrachten Namen. Dabei bezogen sich die Bezeichnungen etwa auf Bodenbeschaffenheit oder Exposition, lehnten sich an Personen und Gebäude an oder erinnerten an Flora und Fauna. Oft sind die Namen nachvollziehbar, manchmal aber bleiben ihre Herkünfte unklar.

Einige Bezeichnungen wiederum erscheinen besonders logisch für Wein, allen voran der Sonnenberg, einer der beliebtesten Lagennamen (unter anderem in Mühlheim an der nördlichen Mittelhaardt, Neuleiningen, Weisenheim am Berg…), der natürlich auch besonders positiv besetzt ist. Die Bodenbeschaffenheit drückt sich etwa in Letten (=Lehm) aus, auch Herrenletten (Neustadt-Haardt), oder der Kieselberg, Kalkofen, Steinberg…

Natürlich haben die Römer ihre Spuren hinterlassen, per Römerstraße (Kirchheim) oder Römerbrunnen (Neustadt), noch stärker Religion und Kirche, etwas derb mit Herrgottsacker (Deidesheim, Dirmstein, Kleinkarlbach), beschaulicher als Herrgottsblick oder Klosterstück im Zellertal. Dabei geht es wie immer um Leben und Tod, um Himmelreich (Herxheim am Berg) und Höllenpfad (Grünstadter Großlage). Könnte man meinen. Doch Höllenpfad hat hier nichts mit Fegefeuer zu tun, sondern mit hellen Pfaden andernorts kommt die Bezeichnung von Halde, also steilen Hängen. Weiterhin geläufig der Kapellenberg (Laumersheim), dann Klosterweg (Gerolsheim) oder Klostergarten (Niederkirchen, Sausenheim, Gönnheim), auch Mönchsgarten (Neustadt). Am berühmtesten ist das Kirchenstück in Forst, die wohl kostbarste Lage der Pfalz mit Namensvettern in Leistadt, Ellerstadt oder Herxheim am Berg, die aber längst nicht so hoch bewertet werden. Renommiert ist gleichfalls der Jesuitengarten in Forst, die gleichnamige Lage in Königsbach ebenfalls im Kommen.

DÜRKHEIMER FEUERBERG - © gliglag.de

DÜRKHEIMER FEUERBERG – © gliglag.de

HERRGOTTSACKER FORST © gliglag.de

HERRGOTTSACKER FORST © gliglag.de

Auch die Aristokratie hatte natürlich ihren Einfluss. Blaublütig klingt der Schlossberg, wohl wegen der üblichen Verbindung Château und Wein aber auch seiner Wertigkeit bundesweit der mit Abstand beliebteste Lagennamen (gibt’s fast 100 mal!), der von Bockenheim an der Grenze zu Rheinhessen über Neuleiningen, Niederkirchen und Wachenheim bis Neustadt auch mehrfach an der Deutschen Weinstraße anzutreffen ist. Damit verwandt der Burgweg, in der Pfalz exklusiv an der nördlichen Mittelhaardt vertreten (Kindenheim, Großkarlbach, Lambsheim) und der ebenfalls sehr populäre Herrenberg (etwa Ungstein, Kleinkarlbach), der sich nicht nur auf weltliche sondern auch auf geistliche Besitzstände bezieht.

Viele Lagen erhalten ihren Namen von Bäumen und Blumen, die zu Zeiten der Namensgebung dort wuchsen oder gar lange vor den Reben dort standen – und vielleicht heute noch stehen. Besonders populär ist der Mandelbaum, so als Mandelgarten (Gönnheim, Weisenheim am Berg, Gimmeldingen), Mandelberg (Laumersheim), Mandelpfad (Dirmstein) oder Mandelring (Neustadt-Haardt), übrigens fast eine Pfälzer Exklusivität (wo sonst wachsen in Deutschland Mandelbäume?). Weitaus häufiger hat allerdings die Rose für Lagennamen Pate gestanden, als Rosengarten (zum Beispiel in Friedelsheim), Rosenkranz oder Rosenberg.

Verdienen lässt sich mit Wein wohl doch was, wie wäre sonst die Goldgrube (Bockenheim) zu erklären, während sich Goldberg (Asselheim) neben der merkantilen Wertschätzung womöglich auf den güldenen Sonnenglanz bezieht. Letztendlich bleibt bei aller Namensvielfalt und –verwirrung kurios, dass in keiner einzigen Pfälzer Lage das Wort „Wein“ vorkommt.

Wertvollste Lagen

Aus dem königlich-bayrischen Grundsteuergesetz von 1828 lässt sich herauslesen, dass im 19. Jahrhundert vor allem die Lagen im Kerngebiet der Mittelhaardt zwischen Neustadt und Bad Dürkheim hoch besteuert wurden, demnach die wertvollsten waren. Unter anderem an dieser Quelle orientierten die VDP-Güter ihre Lagen-Klassifikation. Hier die aktuell prominentesten unter den zahlreichen Top-Lagen im Bereich Mittelhaardt/Deutsche Weinstraße.

DÜRKHEIMER MICHELSBERG - © gliglag.de

DÜRKHEIMER MICHELSBERG – © gliglag.de

PARADIESGARTEN DEIDESHEIM - © gliglag.de

PARADIESGARTEN DEIDESHEIM – © gliglag.de

Forster Kirchenstück

GRÖSSE 3,7 ha

GEOGRAHIE
Historisch gesehen die wertvollste Lage der Pfalz. Auch heute noch sind die gerade mal 3,7 Hektar in Forst ein Filetstück mit eigenständigem Kleinklima.

WEINTYP
Die Lage liefert die vielleicht filigransten Rieslinge der Pfalz. Selbst in großen Jahrgängen mit viel Fülle sind die Rieslinge von hier immer elegant und verspielt.

Bad Dürkheimer Michelsberg

GRÖSSE 5 ha

GEOGRAHIE
Nicht ganz 5 Hektar große, von der Flurbereinigung verschonte, grandiose Terrassenlage mit alten Sandsteinmauern in Bad Dürkheim.

WEINTYP
Vom Kalkgestein mit sandigem Lehm kommen hell aromatische, leicht wirkende aber dennoch körperreiche und nachhaltige Rieslinge.

Deidesheimer Paradiesgarten

GRÖSSE 30 ha

GEOGRAHIE
Gewaltige 30 Hektar ab Deidesheimer Waldrand mit besten Parzellen am oberen Hang und spannender Nachbarschaft namens Leinhöhle und Kieselberg.

WEINTYP
Schon aufgrund seiner Größe sind die Weine sehr unterschiedlich, oft mit der typischen, etwas erdig-mineralischen Mittelhaardt-Frucht.

Deidesheimer Hohenmorgen

GRÖSSE 2,8 ha

GEOGRAPHIE
Gerade mal 2,8 Hektar große, spektakulär gelegene Deidesheimer Top-Lage mit kalkhaltigem Untergrund.

WEINTYP
Die Rieslinge sind gerne gehaltvoll, aber immer lebendig, druckvoll mineralisch und erinnern im Aroma schon mal attraktiv an helle Früchte.

Forster Jesuitengarten

GRÖSSE 7 ha

GEOGRAPHIE
Ebenfalls eine Forster Lage mit durchmischten Bodenstrukturen auf immerhin 7 Hektar. Kräftiger Lehmboden wechselt mit Buntsandstein und Basaltgeröll bei hohem Humusanteil.

WEINTYP
Vom Jesuitengarten kommen bisweilen überraschend opulente Rieslinge, aber immer elegante. Die drei großen „B“ (Buhl, Bassermann, Bürklin) ernten hier mit ihre besten Weine.

Königsbacher Idig

GRÖSSE 18 ha

GEOGRAPHIE
Bekannteste Königsbacher Lage (18 ha) mit hohem Kalksteingehalt. Sie liegt vom Westen her windgeschützt, genießt aber trotzdem lange die Abendsonne.

WEINTYP
Kräftige, doch immer mineralische Rieslinge (auch Spätburgunder) mit hoher aromatischer Ausprägung durch die kalkhaltigen Böden.

Kuriose Lagennamen

Einige Lagennamen lassen einen erst einmal perplex, sind schwer einzuordnen und ihr Ursprung ist zum Teil heute nicht mehr genau nachvollziehbar.

MUSSBACHER ESELSHAUT - © gliglag.de

MUSSBACHER ESELSHAUT – © gliglag.de

Forster Ungeheuer - WEINLAGE

FORSTER UNGEHEUER – © gliglag.de

Kallstadter Saumagen

Mehrere Theorien: 1. Spitzname eines früheren Besitzers; 2. Benannt nach der rundlichen Form der Parzelle, die an die berühmte Pfälzer Spezialität erinnert; 3. ähnelt einer früheren Kopfbedeckung, die ebenfalls Saumagen hieß.

Mußbacher Eselshaut

Die Herkunft des Namens ist nicht geklärt, ein Esel aber in der Landwirtschaft nichts Ungewöhnliches.

Wachenheimer Gerümpel

Die Wachenheimer Lage hat nichts mit Messis zu tun, sondern mit einer ehemaligen Besitzerfamilie namens Grympel.

Gimmeldinger Meerspinne

Hat wohl nichts mit einer Spinne zu tun, sondern mit der starken Hangneigung der ursprünglichen Parzelle, die ein zweites Zugpferd (Mehrspänner) erforderte.

Grünstadter Höllenpfad

Der „Höllenpfad“ ist mit rund 550 Hektar Fläche eine der kleinen Weingroßlagen der Pfalz (17 Einzellagen). Wer meint, der Name „Höllenpfad“ kommt von „Hölle“, irrt. Die Bezeichnung stammt aus dem 15. Jahrhundert und beschreibt den „Hellen Pfade“ oberhalb des Kreiskrankenhauses.

Forster Ungeheuer

Nicht nach einem Monster benannt, sondern vermutlich nach einem Deidesheimer Amtsschreiber aus dem 17. Jahrhundert namens Ungeheuer.

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