Wer Weinkenner mit einer unbekannten Rebsorte überraschen will, der greift zum vor 500 Jahren hoch gelobten Gänsfüsser. Obwohl die Sorte die erste Rebe ist, für die ein Landesherr eine eigene Verordnung erlassen hat, ist sie weithin unbekannt.

Der Administrator der Kurpfalz, Johann Casimir, ordnete am 15. Juli 1584 für seine „lieben und getreuen“ Neustädter an, dass die Weinberge des Gänsfüssers nicht ausgehauen werden dürfen. Sollte dies doch wegen Überalterung des Weinberges erforderlich sein, dann musste mindestens die gleiche Fläche wieder neu gepflanzt werden. Johann Casimir war selbst ein großer Freund des Gänsfüsserweines und nennt als Begründung: „Weiln denn solch Genßfüssergewechs beinahe an keinem Ort deutschen Lands als zu Neustatt und in der nähe daselbst herum gepflanzt und ob sie schon bisweilen an anderen Ort gepflanzt, doch so lieblich und gut als zu Neustatt nicht werden“.

Was hat es mit diesem Gänsfüsser auf sich?

Hieronymus Bock schreibt 1546 in seinem „Kreuter-Buch“ kurz und bündig: „Genßfüssel wachsen umb die Newenstatt“ und 1577 ergänzt er in der 1546 noch nicht im „Kreuterbuch“ enthaltenen „Deutsche Speißkammer: Item an der Hart/als zu Newenstatt und Deidesheim/da wachst der edel Gensfüssel/ und an etlichen Orten Moschateller“. In Deidesheim erfreuten die Bürger 1505 ihren Bischof bei der Huldigung mit einem halben Fuder roten Gänsefüßerweines und zehn Malter Hafer. Von Rasch wird er 1582 gelobt: „Die Genßfuß seind zu essen gut/Getruncke machens noch mehr Mut.“ 1606 spricht Quirinus Reuter in Neustadt vom zitronengelben oder roten Wein, der nach dem Fuß der Gans benannt ist und nirgends so vorzüglich wächst. Nun, langfristigen Erfolg hat der Erlass Johann Casimirs nicht gefunden, denn Philipp Johann Breuchel erwähnt 100 Jahre später, 1781, in seinem schon vom Titel her interessanten Weinbuch Umständliche und gründliche Beschreibung des edlen Weinstockes nach der Bauart des Kernes von Kurpfalz, nämlich Neustadt, Gimmeldingen, Haardt, Mußbach und Königsbach nur noch einen Weinberg mit der alten Sorte. Seine Beschreibung lautet: Gänßfüsser.

Eine alte Rebsorte der Pfalz

Sie sind die schwärzesten unter allen Trauben, indem sie glänzend schwarz werden und auch den schwärzesten Wein geben. Es sind keine gedrungene, sondern solche Trauben, wo breite auseinander hängende Zinken haben, die Beeren sind kleiner als Malvasier (hier ist der Trollinger gemeint) und größer als Gelbhölzer, das Laub ist zackig, wie Gänßfüß, daher sie auch den Namen haben. Der Trauben ist der angenehmste zum Essen und der Wein auch im ersten Jahr, nicht so zart zum Trinken als vom vorigen, er bessert sich aber im Fasß und soll, wenn er alt ist, sehr gesund seyn; Bey dem rothen Wein thut er, was der Riesling beim weißen thut. Weil er nicht jung trinkbar ist, so wird nicht mehr darauf geachtet, und werden solche Stöcke nicht fortgepflanzte; zu Neustadt ist noch ein einziger Wingert davon und zu Haßloch und dortiger Orten, stehen große Stöcke an denen Häusern, wo ein Stock, vor etlichen Jahren, 3 Ohmen Wein (Verf. 300 – 450 1) gewachsen sey soll.“

Nach Osten war die Sorte weinbergsmäßig bis Speyer verbreitet, dessen Wein Ruhm im Mittelalter darauf beruhte. Aber diese Bedeutung wechselte nach 1711 zum Ruländer. Wie Litzel 1758 in seiner Betrachtung über den Ruländer schrieb: „Hat man die Sorte in Abgang kommen lassen. Die Beeren sind groß und rötlich; die Reben aber haben nicht viel Trauben, und es muss ein warmer und trockener Sommer seyn, wenn sie sollen zeitig werden.“

Nach 1900 war das Wissen darüber so geschwunden, dass angenommen wurde, der Namen des Weines sei von dessen zitronengelber oder roter Farbe abgeleitet, die mit der Farbe der Füße der Gänse verglichen wurde. Aber der große Pfälzer Arzt und Botaniker aus Bergzabern Tabernaemontanus brachte schon Ende des 16. Jhs. die wohl älteste Darstellung eines Gänßfüßerstockes, auf der deutlich die großen geschlitzten Blätter erkannt werden können.

Bassermann-Jordan hat 1907 und 1923 in seiner „Geschichte des Weinbaues“ Nachrichten über den Gänsfüsser gesammelt und Hinweise gefunden, dass mehrere, auch weiße Rebsorten als „Gänsfüsser“ bezeichnet wurden. Wilde beschreibt in der Kulturgeschichte der Bäume und Sträucher 1936 die letzten Standorte als Hausreben in Haßloch mit mehr als 1m Stammumfang und meint, ihr bester Schutz sei der Stolz der Hausbewohner auf ihre 300 bis 350 Jahre alten Reben, die mit den alten Fachwerkhäusern eine gewachsene Einheit bilden. Häufig wurden die Reben in die Keller mit gestampften Lehmboden gepflanzt. Die Stämme wuchsen aus den Kellerfenstern und die Reben überdachten den Hof und umschlingen als Band die Häuser. Gleichzeitig bewahren sie die Häuser vor Nässe- und Salpeterschäden.

Jedenfalls war der Gänsfüsser um 1500 in der Pfalz von Deidesheim bis Speyer mit dem Zentrum Neustadt verbreitet und hat danach kontinuierlich an Bedeutung verloren. Als Ursache kann die Ertragsunsicherheit wegen zu starkem Wuchs in den engen Weinbergen und die nach 1550 einsetzende Klimaverschlechterung angesehen werden. Heute kommt eine hohe Anfälligkeit derSorte gegen den um die Mitte des 19. Jahrhunders aus Amerika eingeschleppten Echten Mehltaus (Oidium) hinzu, die eine Pflanzung als Hausrebe ohne Pflanzenschutz verleidet.

Wie sich im Sortiment der Landes-Lehranstalt in Neustadt/Wstr. zeigte, brachte die Sorte 1979 nach Menge und Güte einen Spitzenertrag. 1980 war sie sehr stark verrieselt, so dass kein Wein bereitet werden konnte; 1981 wurden mittlere Mengen und 1982 wieder sehr gute Ergebnisse erzielt. Die große Verrieselungsneigung bei zu kühlem Wetter bei der Blüte wirkte sich trotz doppeltem Standraum auch 2012 und 2013 aus, während 2006, 2007 und 2008 den Ausbau lohnende Ernten erzielt werden konnten. Heute stehen wie in der Vergangenheit die größten Hausreben der Sorte in Haßloch im Bereich der Gillergasse. Ihre Anzahl geht leider zurück. Den Vorraum des Dienstleistungszentrums für den Ländlichen Raum (DLR) in Mußbach schmückt eine abgestorbene Hausrebe aus Geinsheim.

GÄNSFÜSSER – Begutachten der Trauben im Haßlocher Leisböhl ©diepfalz.de
GÄNSFÜSSER – Begutachten der Trauben im Haßlocher Leisböhl ©diepfalz.de

Flüssige Geschichte

Die Sorte findet sich aber auch in den Sortimenten und der Versuchsanlage der „Weinbauschule“, deren Pflanzung ich einst aus Neugier vornahm. Was schmeckte eigentlich Johann Casimir so gut, dass er 1584 den besonderen Erlass herausgab? Daneben habe ich sie 2003 im Ungsteiner Weilberg neben das römische Kelterhaus gepflanzt.

Die vom Herrenberg-Honigsäckel e.V. ausgebauten Weine bestätigen die Angaben aus dem hohen Mittelalter: Auf Grund seines bedeutenden Tanningehalt ist er bei der Lagerung im Holzfass lange gesund (und ist gesund zum Trinken). Erfreulicherweise ist er auch in die Weinberge Haßlochs zurückgekehrt. 2009 pflanzte das Weingut Braun aus Meckenheim einen Weinberg in die Haßlocher Lage Leisböhl und erntete 2011 die ersten Trauben. Den noch vorhandenen 300 – 400 Jahre alten Hausreben in Haßloch und Geinsheim gebührt ein besonderer Schutz durch die Besitzer.

Text: Dr. Fritz Schumann

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Weingut Braun, Meckenheim › braun-wein-sekt.de
Weingut Geheimer Rat Dr. v. Bassermann-Jordan, Deidesheim › bassermann-jordan.de

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Der Gänsfüsser
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Wer Weinkenner mit einer unbekannten Rebsorte überraschen will, der greift zum vor 500 Jahren hoch gelobten Gänsfüsser. Obwohl die Sorte die erste Rebe ist, für die ein Landesherr eine eigene Verordnung erlassen hat, ist sie weithin unbekannt.
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