Neuzüchtungen haben es nicht leicht. Nur eine hat sich in den letzten Jahren die Anerkennung selbst der strengsten Weinkenner erkämpft: die Scheurebe. Einige der Besten kommen aus der Pfalz.

Was ist der „Sämling 88“? Die Frage stand letztens bei „Wer wird Millionär?“ im Raum. Neu-Winzer Günter Jauch schaute damals den Kandidaten fast flehend an. Immerhin konnte dieser den „Sämling 88“ von einem gewissen Scheu den Rebsorten zuordnen. Das reichte. Eine Runde weiter. Populär war dabei sicherlich nicht die Züchtungsbezeichnung, auch kurz „S 88“ genannt, sondern der Name des Züchters Georg Scheu, der sich mit seiner Kreuzung unsterblich machte – der Scheurebe.

Der Werdegang einer Neuzüchtung ist langwierig. Der Sämling 88 etwa wurde bereits 1916 von Scheu an der Landesanstalt für Rebenzüchtung in Alzey erschaffen. Seine Klassifikation, der Sortenschutz und Eintrag in die Sortenliste, erfolgte erst 1956. Acht Jahre später, 1964, standen 342 Hektar im Anbau, eineinhalb Jahrzehnte später, 1979, immerhin schon das Zehnfache, beliebt vor allem in der Pfalz, in Rheinhessen und an der Nahe. Dabei wurde die Scheurebe immer als eine Kreuzung aus Riesling x Silvaner angesehen. Neuere genetische Untersuchungen in Klosterneuburg bestätigen zwar den Riesling, jedoch nicht den Silvaner. Hier wird eine wohl nicht mehr existierende Wildrebe als Kreuzungspartner angenommen.

Diese Verwirrung ist aber nicht der Grund für den Rückgang seiner Verbreitung ab den neunziger Jahren. Es ist wohl eher der ehemals vorherrschende althergebrachte Ausbaustil, der für die nachlassende Nachfrage sorgte. Die Scheurebe wurde damals meist zu einem lieblichen, süßen Wein ausgebaut, was im höherpreisigen Segment ziemlich aus der Mode gekommen ist. So sind inzwischen keine 2.000 Hektar mehr im Ertrag. In der Pfalz stehen heute rund 400 Hektar, etwa ein Viertel der deutschen Scheurebe-Fläche.

„Im internationalen Vergleich wird die Scheurebe schon mal gerne als Sauvignon der Pfalz dargestellt.“

Neuzüchtungen sind vor allem in der deutschen Weinwissenschaft beliebt. In keinem anderen Weinbauland der Welt käme man auf die Idee, die klassischen Sorten mit Neuzüchtungen aufzumischen. In Deutschland ist das anders, auch wenn es die meisten Neukreationen nicht leicht haben oder gar fast ganz wieder verschwinden. Die größte Erfolgsstory schrieben hier Müller-Thurgau und Dornfelder. Beide eroberten sogar in ihren Bereichen, der eine bei den Weißen, der andere bei den Roten, die Marktführerschaft. Das spricht eigentlich für Neuzüchtungen. Der Erfolg war aber nur ein mengenmäßiger. Beide sind Massenträger und für den schnellen, unkomplizierten Billigkonsum bestimmt. Auch das verlangt der Markt, aber damit lässt sich kein Image aufbauen und im Ausland erntet man damit nur ein müdes Lächeln.

Bei der Scheurebe ist das alles etwas anders. Auch sie dümpelte zunächst lange vor sich hin, präsentierte sich meist als süße, breite Aromasorte ohne Brillanz. Auf die Weinkarte eines Top-Restaurants schafft man es so nicht. Zudem ist ihre eigenwillige Aromatik Geschmackssache, aus geringen Lagen wenig appetitlich oder vor der Vollreife oft zu aufdringlich, um sich elegant in ein Menu einzufügen.

Inzwischen hat sich das grundlegend geändert. Der internationale Erfolg des Sauvignon weckte irgendwann die Erinnerung an die Scheurebe. Auch ein Sauvignon kann von banal bis geradezu aufdringlich aromatisch schmecken. Der Neuseeland-Stil mit seinem intensiven Stachelbeer-Aroma (manchmal, wenn weniger reif, erinnert er an Kohlrabi) machte international Karriere. Daran möchten auch die Pfälzer Winzer mit der Scheurebe anknüpfen. Beiden Rebsorten gemeinsam ist, ähnlich dem Riesling, das gute Säurepotenzial, das für frische, solide Struktur und gute Haltbarkeit sorgt. Stimmen alle Faktoren wie Lage, Menge, Traubenreife und Vinifizierung, können aus der Scheurebe filigrane Spitzenweine erzeugt werden – von knackig-trocken (das ist neu) bis filigran-edelsüß (das gibt’s schon länger).

Außer bei der spannenden Säurestruktur gibt es durchaus auch im Aroma-Profil Verwandtschaften, dennoch ist jede Sorte von individuellem Charakter. So kommen Aromen auf Basis von Pyrazinen (Erde bis Paprika, Stachelbeere) und Thiolen (Cassis…) in beiden vor, allerdings in unterschiedlichen Dosen. Zudem ist das Aroma der Scheurebe im Wesentlichen durch Terpene geprägt (blumig bis würzig), während Sauvignon sich eher durch Pyrazine ausdrückt. Die Scheurebe zeigt hier eine Traminer-Verwandtschaft. Das lässt sich auch erriechen in der gemeinsamen Anlage zu betörenden Rosendüften in Jahren mit vollreifen Trauben, die im edelsüßen Bereich dann auch grandiose Weine ergeben, die im Duft an reife Birnen, Pfirsich und Mango, bisweilen auch an Limonen und Mandarinen erinnern.

Somit ist die Scheurebe ebenso wenig der Sauvignon der Pfalz wie der Sauvignon nicht die Scheurebe des weißen Bordeaux ist. Die Scheurebe kann aber ebenso internationales Format erreichen – und zwar locker!

Wo gibt es ausgezeichnete Scheurebe-Weine?

Wenn es einen Pfälzer Spezialisten für Scheurebe gibt, dann dürfte dies das Weingut Weegmüller in Neustadt-Haardt sein. Die Scheurebe wird hier auch trocken ausgebaut und im edelsüßen Bereich je nach Jahrgang, immer aber glasklar, geradlinig und auf höchstem Niveau.
Das benachbarte Weingut Müller-Catoir bietet ebenfalls Brillantes aus Scheurebe in edelsüß, auch bei Fuhrmann-Eymael, Pfeffingen in Bad Dürkheim wird die Sorte besonders gepflegt. Die Top-Genossenschaft Vier Jahreszeiten Winzer in Bad Dürkheim bekommt seine diversen Scheurebe-Versionen regelmäßig prämiert.

Text: Michael Hornickel [mHo]
Foto: gliglag.de

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