Vom Publikumsliebling zur Nebenrolle: Der Silvaner verlor im letzten Jahrhundert völlig an Bedeutung. Ein Verlierer-Typ also? Einige Pfälzer Winzer lassen ihn mollig-weich und subtil aufleben.

Nicht so strahlend wie Riesling, nicht so vornehm wie Burgunder. Bei Weingutsbesuchen wird er selten gezeigt und kein Dichter hat sich seiner angenommen. Wer hätte das gedacht: Silvaner war einst die meistgepflanzte Rebsorte in Deutschland! Zur napoleonischen Zeit breitete sie sich von Österreich kommend nahezu flächendeckend in Deutschland aus. Silvaner ist sehr produktiv und das gefiel. Noch um 1900 belegte er 60 Prozent der deutschen Rebfläche. Doch seither ging es bergab: Mangelnde Holzreife, geringe Winterfestigkeit, sein krankheitsanfälliges Wesen und die schwache Weinqualität in schlechteren Jahren machten ihn bei den Winzern unbeliebt.

Die Wissenschaft bot Hilfe an: schon zu dieser Zeit beschäftigte sie sich viel mit Kreuzungen, um früher reifende und zuverlässig produzierende Neuzüchtungen zu schaffen. Ertragssicherung nennt man das. So wurde der Silvaner vor allem vom neu geschaffenen, ertragsreichen und -sicheren Müller-Thurgau verdrängt, in den sechziger Jahren vom traditionellen Star Riesling überholt und im Jahr 2013 sogar vom Grauburgunder auf Platz vier der weißen Sorten durchgereicht.

„Heute macht Silvaner mit etwas über 5.000 Hektar nur noch knapp 5% der deutschen Rebfläche aus, gerade mal so vor Weißburgunder, der ihn demnächst wohl auch noch überholen wird.“

Einzig Rheinhessen und natürlich Franken, wo der Silvaner auf Muschelkalk zu einem üppigen und zugleich straffen Ausnahmewein gedeihen kann, halten ihm noch die Stange, ein bisschen auch die Nahe und – natürlich – die Pfalz.

Hier, im größten Riesling-Anbaugebiet der Welt, kommt Silvaner heute nur noch auf etwas über 700 Hektar, was gerade mal 3 % der Pfälzischen Weinlandschaft ausmacht. Selbst der blasse Kerner behauptet sich noch ein bisschen besser. Doch außerhalb der absoluten pfälzischen Riesling-Hochburgen ist Silvaner überall ein bisschen anzutreffen, mit den unterschiedlichsten Geschmacksprofilen. Vom Typ her sind Silvaner grundsätzlich nicht laut, schon gar nicht ungestüm, sondern sehr diskret, ja fast schüchtern. Das liegt an ihrem zurückhaltendem Frucht/Säure-Spiel.

Manchmal fallen sie so harmonisch-mollig aus, dass sie schon ein wenig langweilig wirken können. Nur bei guter Reife und nicht zu hohem Ertrag können sie saftige Weine mit feinem Nerv und zartem Duft erbringen. Dabei kommt es wie bei kaum einer anderen Sorte auf den Standort der Reben an. Silvaner reagiert in seinem Ausdruck stark auf die Bodenbeschaffenheit. Er ist ein sehr guter „Terroir-Anzeiger“.

So kommt etwa auf gewöhnlichen Schwemmland-Lehmböden aus einem Silvaner nicht viel raus. Es stört ihn nicht wirklich, dort zu stehen, aber er fällt dann sehr neutral aus. Auf Verwitterungsböden kann er ungeahnte Charakteristika entfalten. Am deutlichsten wird dies in Franken auf Muschelkalk schmeckbar oder im Schweizer Wallis auf den leichten Schiefer- und Kieselböden. In der Pfalz steht er nicht immer ideal, weil die spannendsten Lagen den populäreren Sorten vorbehalten sind. Doch gibt es hier reichlich Buntsandstein und wie zufällig eingestreut immer wieder kleine kalkhaltige, tiefgründige und warme Inseln, in denen der Silvaner sich wohl fühlt, darunter auch einige in den weniger angesehenen Flachlagen.

Heraus kommen je nach Bodenbeschaffenheit und Jahrgangsbedingungen die unterschiedlichsten Silvaner-Typen: Zwischen dem leichten, neutralen, positiv grünen, im besten Fall geradlinig frisch-fruchtigen Typ und dem ausladend fülligen Silvaner aus reifem Jahr mit üppiger Saftigkeit und gewissem Schmelz tummeln sich alle möglichen Zwischenstufen. Immer sind sie aber mollig-weich durch ihre geringe Säure und man sollte sie deshalb, wenn Ihnen etwa einer in der Weinstube begegnet, niemals nach einem rassigen Riesling trinken, der in Aroma und Säurefrische immer dominiert.

Silvaner ist im Duft in der Regel nicht nur sehr zurückhaltend, aufgrund seiner Boden- und Jahrgangs-Sensibilität bietet er zudem kein klares Aroma-Profil. Die leichte Variante erinnert im Duft schon mal an Kernobst (Apfel, Birne), bisweilen an Rhabarber, Gras, von den beliebten Kalkböden gerne an Kräutertee und Heu, alles aber immer diskret. Die reifere, fülligere Variante bietet eine attraktive Vinosität mit einem delikaten Hintergrund von erdiger Frucht und Mandelaroma. Spannung erhält er dabei nie durch ein Süße/Säure-Spiel wie beim Riesling, sondern im Idealfall durch einen mineralischen Biss, der wiederum die richtige Lage voraussetzt. Diese Weine sind dann straff, brauchen keinen Restzucker zum Glücklichsein und lassen sich fast kauen. Dann ist Silvaner auch kein introvertierter Verlierer-Typ.

Text: Michael Hornickel [mHo]
Fotos: diepfalz.de

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