Was ist eigentlich so besonders an einem Spätburgunder? Wenig Farbe, nur mittlerer Körper, keine nennenswerte Tanninstruktur – das klingt doch eher nach einem langweiligen, belanglosen Rotwein. Und dennoch ist Spätburgunder eine der faszinierendsten Rebsorten der Welt. Aus ihr werden international die subtilsten und teuersten Rotweine erzeugt – auch in der Pfalz. Hier erlebte der Spätburgunder in den letzten zwanzig Jahren eine Kulturrevolution.

Der Spätburgunder ist eine besonders delikate Rebsorte, vor allem unter dem Namen Pinot Noir weltbekannt. So richtig Weltkarriere will sie dann doch nicht machen, weil sie eine Diva der besonderen Art ist. Obwohl in Deutschland – und auch in der Pfalz – der Anteil der roten Rebsorten in den letzten 20 Jahren sprunghaft gestiegen ist, die Verbreitung des Spätburgunders ist bundesweit relativ konstant geblieben. Ganz im Gegensatz zum Dornfelder, der Rebsorte für das schnelle Geld – durchaus nicht unattraktiv, aber etwas billig. Anders die Sorte Spätburgunder: sie ist kapriziös, ziert sich und nimmt nicht einfach jedes Angebot an. Vornehm passt sie halt nicht in jedes Milieu und verlangt viel Aufmerksamkeit. Kein Wunder also, dass nur wenige Winzer wirklich mit ihr klar kommen. So erklärt sich zum Beispiel auch, dass in den Boomländern der immer noch sogenannten Neuen Welt schon alle möglichen internationalen Rebsorten Karriere machten, nur Pinot Noir nicht. Bevor ein australischer Winzer sich auf die weinbaulichen Risiken eines Pinot Noir einlässt, pflanzt er lieber Merlot.

Aus Burgund in die Pfalz

Burgund machte bekanntlich den Pinot Noir weltberühmt, so ist Frankreich auch bis heute mit etwas über 30.000 ha (neben Burgund auch Champagne und Elsass) führendes Pinot-Noir-Land vor, wer hätte es gedacht, den USA mit erstaunlichen über 21.000 ha (Oregon, Washington, Kalifornien). Deutschland folgt immerhin schon auf Rang drei. Hier ist er als Spätburgunder mit 11.756 ha (in 2011) erste rote Sorte deutlich vor Dornfelder (8.000 ha), noch deutlicher vor dem Rest, und entwickelt sich langsam zu einem Imageträger von internationalem Format. In der Pfalz kommt dem Spätburgunder mit 7% der Rebfläche (1.609 ha in 2011) eine bedeutende Rolle zu, belegt damit den 5. Platz in der unangefochten vom Riesling (24%) angeführten Rebsorten-Hitparade, hat aber noch zwei Rotweinsorten vor sich, den populistischen Karrieretyp Dornfelder (13%) und den rückläufigen leichtgewichtigen Portugieser (8%).
Offensichtlich fühlt sich der Spätburgunder in der Pfalz wohl. Er mag ein kontinentales, kühleres bis gemäßigtes Klima, etwa wie in Burgund, wo er Weltberühmtheit erlangte, Baden, wo er in Deutschland die meiste Verbreitung findet, oder natürlich der Pfalz.

Im mediterranen Raum ist es ihm zu heiß. Dort reift er einfach zu schnell, fürchtet Sonnenbrand und die Beeren trocknen leicht aus. Zu weit nördlich wird er nicht richtig reif, bleibt grün und dünn und fürchtet ohnehin Frühjahrsfröste. Er mag kalkhaltige Böden wie alle Pinots (im Gegensatz zum Syrah) und ist deshalb an der Südlichen Weinstrasse traditionell etwas heimischer als im Norden der Pfalz, der nicht ganz so viele kalkreiche Ablagerungen mitbekommen hat und mehr ein Paradies des Rieslings ist. Doch auch die nördliche Pfalz-Hälfte hat inzwischen mit dem Anbau des Pinot-Noir (so darf er seit 2003 auch auf deutschen Etiketten stehen) aufgeholt und ebenfalls einige Spitzenweine hervorgebracht.

Die drei Spätburgunder-Typen

Wie so ein Spätburgunder nun schmeckt hängt davon ab, wo und wie er gewachsen ist und wie viel weinbaulicher und kellerwirtschaftlicher Ehrgeiz hineingesteckt wurde. Grundsätzlich lassen sich drei Typen unterscheiden: Leicht-, Mittel- und Schwergewicht. Der leichte, frisch-fruchtige Typ ist hellfarben, fruchtbetont (rote Beeren, Sauerkirsche…), rund und nett durch wenig Körper und Tannin. Auf ihn dürfte man in der Pfalz am häufigsten stoßen und er ist unter zehn Euro zu haben.

Der mittelgewichtige Spätburgunder ist etwas intensiver in der Farbe, duftet eher nach dunklen Früchten (schwarze Beeren, eingeweckte Schattenmorellen…) und zeigt schon etwas konzentrierteren Saft und mehr Tannin-Konturen. Er erfährt in der Regel einen Holzausbau, der ihm Struktur verleiht. Für ihn muss man in der Pfalz schon über zehn Euro hinlegen.

Die Krönung ist schließlich das Schwergewicht, die Königsklasse. Der „schwere Burgunder“ ist quasi schon ein beflügendes Wort, damit ist aber nie ein plumper George Forman gemeint, sondern eher ein leichtfüßig tänzelnder Cassius Clay. Bei allem Saft und aller Kraft bleibt ein Spätburgunder schließlich immer subtil.

Der lange auf Holz ausgebaute „schwere Burgunder“ zeigt zwar mehr Farbe als die Leichtgewichte, geht aber nie ins Dunkelblau-schwarze wie andere ehrgeizige Rotweine, sondern behält immer einen sortentypischen, eigenwillig hell-bräunlichen Schimmer, der schon stark gereift wirkt, sich allerdings dann lange unverändert so hält. In der Nase präsentiert er sich intensiver als die leichteren Kollegen und geht dabei von der simplen Fruchtbetonung weg hin zu komplexeren Aromen pflanzlicher und edel-animalischer Natur. Dieser holzfassgereifte Burgunder Typ ist kraftvoll in Körper und Tannin Struktur, dabei (im Idealfall) schmalzig, aber immer seidig und filigran. Etwa ein gutes Dutzend Weingüter bieten diesen Typ in großer Manier an und erzielen Preise von deutlich über zehn Euro, um die 20,- bis 30,- bis hin zu 100,- Euro pro Flasche.

Pfälzer Pioniere

Solche Höchstpreise erzielen zum Beispiel die besten Spätburgunder von Friedrich Becker im südpfälzischen Schweigen an der französischen Grenze. Er gehört zweifelsohne zu den bedeutendsten Pionieren der pfälzischen Spätburgunder-Revolution und boxt in einer eigenen Klasse.

In den siebziger Jahren kam er nach Lehr- und Wanderjahren am Kaiserstuhl in Baden und einem prägenden Besuch im Pinot-Noir Paradies Burgund auf den Geschmack. Im Kammerberg, auf französischer Seite, entdeckte er einen brach liegenden Weinberg mit „genau dem Boden wie in Burgund“. Es gelang ihm, die drei Viertel Hektar große Fläche zu pachten und pflanzte dort seinen ersten Spätburgunder mit selbst veredeltenReben.

1973 machte er sich aus dem traditionell dem Genossenschaftswesen verbundenen familiären Betrieb heraus selbständig, weil er „nicht in der Anonymität eines 5.000-Liter-Tanks verschwinden“ wollte. Mit dem Jahrgang 1977 wurde der erste eigene Spätburgunder erzeugt, der Betrieb ständig weiter entwickelt. Dabei feilte Becker entgegen der herrschenden Lehrmeinung an den Weinbereitungstechniken nach französischem Vorbild. Als bedeutend sieht er die Anschaffung von zwei in Burgund üblichen, oben offenen Holz-Cuve an, die ein ganz anderes Vergärungsergebnis liefern als andere Holzfässer oder gar Edelstahl Tanks.

Inzwischen stehen acht dieser sechs bis achttausend Liter großen Cuve in seinem Keller. Der Kammerberg (Becker: „mein Augapfel“) erlangte Berühmtheit wie inzwischen einige andere Spätburgunder des Hauses, die zu den besten Deutschlands zählen. Becker steht hier exemplarisch für eine Reihe von Winzern, die den Spätburgunder in der Pfalz zu ungeahnter Klasse führten. Rebholz, Knipser und einige andere Namen wären hier zu nennen, junge Talente stoßen hinzu. Die Erfolgsgeschichte ist noch lange nicht zu Ende.

Wer macht in der Pfalz gute Spätburgunder? Hier einige Namen und Weine, die bei Prämierungen oder in Fachpublikationen auf sich aufmerksam machten.

Last bottle! Basic wines give us big satisfactions. #gourmethunters #friedrichbecker #spätburgunder #pfalz #vdp

Ein von Lluís Pablo (@hdirektor) gepostetes Foto am

Gault & Millau

Der Weinführer wählt Jahr für Jahr seine Spitzenreiter nach Rebsorten. Hier entscheidet die höchste Bewertung in einer Finalrunde der besten Weine Deutschlands. Beim Spätburgunder stellte in den letzten zehn Jahren der Pfälzer Friedrich Becker fast immer den Spitzenreiter, allein fünf Mal in Folge mit den Jahrgängen 2003 bis 2007 mit seinem Pinot Noir. Becker erzeugt gleich ein halbes Dutzend der hochwertigsten Spätburgunder.

Beim Gault & Millau oft oben mit dabei, und das mit mehreren Spätburgundern, ist das Weingut Knipser aus Laumersheim in der nördlichen Pfalz; hoch bewertet werden auch immer Rebholz, Wehrheim und Bernhart, alle drei aus der Südpfalz. Christmann, Kuhn, Kranz, Meßmer, Schumacher, Siegrist, Siener, Jülg, Kleinmann, Bernhard Koch, Wageck-Pfaffmann, der Wilhelmshof und natürlich die aufsteigenden Rings-Brüder sind beste Empfehlungen. Jedes Jahr Top auch der Pinot Noir aus biodynamischem Anbau von Frank John (Hirschhorner Hof).

Aromaprofil 
wie schmeckt Spätburgunder?

In schlechten Jahrgängen oder in zu kalten Anbauzonen entwickelt der Spätburgunder schnell grüne, unreif-pflanzliche Aromen. Im Gegensatz dazu verliert er in heißen Jahrgängen oder Klimazonen schnell seine subtile Aromatik und wird marmeladig. Im gemäßigten Klima der Pfalz drückt er sich bestens aus. Hier entwickelt er in der Jugend seinen klassischen Duft nach roten Früchten, oft Kirsche, in kleineren Lagen Sauerkirsche, auch Erdbeere, was sonst selten (und nicht immer edel) ist, dazu Himbeere, was eher auf einen kleineren Wein hindeutet.

In reiferen Jahren neigt das Aroma dann mehr zu dunklen Aromen, oft schwarze Johannisbeere, Brombeere und dunkle Herzkirsche. Richtig spannend wird es aber erst wenn über die jugendlich fruchtigen Eindrücke hinaus etwa reif-pflanzliche Aromen (getrocknete Blätter und Kräuter, Pfeffer, frischer Champignon, …) oder edelanimalische Noten (Leder, Wild, …) hinzu kommen, die sich erst nach einer gewissen Reife entwickeln können. Hinzu kommen natürlich noch die Einflüsse des Holzfassausbaus, der bei ehrgeizigen Weinen die Regel ist und Aromen von Vanille, geröstetem Brot, Kaffee und Schokolade und einiges mehr beisteuern kann, wobei die besten Weine nicht gewaltsam Neuholz Noten mitbekommen, um die subtile Pinot-Aromatik nicht zu stören.

Die größten Weine entwickeln mit dem Alter schließlich eine fast unergründlich tiefe Aromatik, die sich schwer beschreiben lässt, keinesfalls was mit frischen Früchten zu tun hat (manchmal eingelegte Früchte, Kirschwasser …), sondern abenteuerlich an dunkle Kräuter, Herbstlaub, Waldboden, Wildbret, manchmal Trüffel erinnert.

Text: Michael Hornickel [mHo]
Fotos: diepfalz.de

Links

Weingut Friedrich Becker, Schweigen-Rechtenbach › friedrichbecker.de
Weingut Knipser, Laumersheim › weingut-knipser.de
Weingut Christmann, Gimmeldingen › weingut-christmann.de
Weingut Philipp Kuhn, Laumersheim › weingut-philipp-kuhn.de
Weingut Kranz, Ilbesheim › weingut-kranz.de
Weingut Meßmer, Burrweiler › weingut-messmer.de
Weingut Schumacher, Herxheim am Berg › schumacher-weine.de
Weingut Siegrist, Leinsweiler › weingut-siegrist.de
Weingut Siener, Birkweiler › weingutsiener.de
Weingut Jülg, Schweigen-Rechtenbach › weingut-juelg.de
Weingut Kleinmann, Birkweiler › weingut-kleinmann.de
Weingut Bernhard Koch › weingut-koch.com
Weingut Wageck-Pfaffmann, Bissersheim › wageck-pfaffmann.de
Wilhelmshof, Siebeldingen › wilhelmshof.de
Weingut Rings, Freinsheim › weingut-rings.de
Frank John, Königsbach › johnwein.de

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