Sankt wer? Wer kennt schon Sankt Laurent – oder gar Saint Laurent? Wie der französische Name schon vermuten lässt, verbirgt sich dahinter eine Rebsorte mit Migrationshintergrund. Aus Frankreich ist sie zu uns herübergekommen. Soviel steht wohl fest. Mit dem gleichnamigen Ort Saint Laurent in der bordelaiser Weinregion Médoc soll sie nichts zu tun haben, zumindest wurden hierfür keine Anhaltspunkte gefunden. Ihre Heimat wird im benachbarten Elsass gesehen. Der Apotheker und Weinbaupionier Johann Philipp Bronner brachte sie 1870 von dort über den Rhein, ohne ihr hier jedoch zu einer nationalen Karriere zu verhelfen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war sie fast ganz verschwunden, spätestens mit der Flurbereinigung. Erst der Weinbauamtsrat Fritz Klein nahm sich ihrer wieder an. Im südpfälzischen Siebeldingen fand er zwei Rebstöcke des Saint Laurent und legte aus ihnen eine kleine Rebfläche an. Das war im Jahr 1963. So fand der Saint Laurent zumindest schon mal Asyl. Es sollte jedoch weitere knapp zwanzig Jahre dauern, bis er eingebürgert wurde.

Der Birkweiler Winzer Karl-Heinz Kleinmann beantragte 1982 beim Weinbauamt seine Wiederaufnahme in die Sortenliste. Er organisierte eine Verkostung von zehn Jahrgängen der Sorte, die ihre vinologische Wertigkeit beweisen sollte. Das tat sie wohl auch, denn der Weinbauamtsrat Klein beantragte aufgrund dieser Probe am 15. Februar 1982 beim Bundessortenamt Sortenschutz für Saint Laurent. Das war sozusagen die Beantragung seines Personalausweises. Erst mit Aufnahme in die Sortenliste hält er sich legal in Deutschland auf. Alleiniger Erhaltungszüchter war von 1997 an Karl-Heinz Kleinmann, inzwischen kümmert sich die Hochschule Geisenheim darum. Heute bringt es Saint Laurent in Deutschland auf 670 Hektar bestockte Rebfläche.

Saint Laurent ist somit institutionalisiert und für Nachwuchs ist ebenfalls gesorgt. Sein Familienname soll auf den heiligen Laurentius zurückgehen, dessen Gedenktag der 10. August ist. Um diesen Tag herum beginnt sich seine Beerenhaut rot zu färben, was zu diesem Taufnamen inspiriert haben soll. Nur auf eine einheitliche Schreibweise konnte man sich noch nicht einigen: „Sankt“ Laurent oder „Saint“ Laurent.

Auf den Etiketten finden sich beide Versionen. Wenn man die französische Originalbezeichnung schon eindeutscht, müsste die deutsche Version konsequenterweise eigentlich „Sankt Laurentius“ heißen. Darauf ist noch keiner gekommen, klingt auch nicht gerade modern. Manche Winzer ziehen sich mit der Bezeichnung „St. Laurent“ elegant aus der Affäre. Beim Bundessortenamt wird er als „Saint Laurent“ geführt, was letztendlich maßgebend sein sollte, weshalb wir auch diese Schreibweise gewählt haben.

Sein holpriger Lebenslauf kommt nicht von ungefähr: Saint Laurent gilt als schwierig. Nicht dass aus den relativ eng-beerigen Trauben keine guten Weine zu machen wären (alle renommierten Keltertrauben sind engbeerig), aber die Sorte kränkelt leicht, ist blüte- und frostempfindlich und liefert zudem unregelmäßige Erträge. Das hat kein Winzer gerne. Zudem stellt sie große Ansprüche an die Lage. Dennoch erlebt sie derzeit eine Renaissance, weil man ihre Stärken zu erkennen beginnt.

Seine Wiederentdeckung war zunächst am schillerndsten in Österreich, wo Saint Laurent immerhin auf fünf Prozent Anteil an der roten Rebfläche kommt. Auch in einigen osteuropäischen Ländern wird er kultiviert. In Deutschland ist die Saint-Laurent-Rebfläche mit 670 Hektar fast so groß wie in Österreich, prozentual liegt sein Anteil aufgrund der größeren deutschen Gesamtfläche allerdings nur bei rund zwei Prozent unter den roten Sorten. Die Pfalz ist mit Nachbar Rheinhessen seine bedeutendste Heimat, weit vor den übrigen deutschen Anbaugebieten. Eine wachsende Verbreitung lässt sich aus den Rebsortenstatistiken kaum ablesen, aber er erfährt eindeutig mehr Beachtung. Wenn Erzeuger sich schon mit der Rebsorte beschäftigen, auf dem Fassweinmarkt kaum eine Nachfrage dafür besteht, dann wollen sie wenigstens qualitativ ein gutes Ergebnis erzielen. Somit bereichert Saint Laurent in den Preislisten meist das Premium-Segment, damit sich die Mühe lohnt.

„Sankt Laurentius lass den Weinberg braten, dass die Trauben wohl geraten“

Inzwischen führen ihn viele Betriebe, wenn auch nur in geringen Mengen. Sein Nischen-Dasein hat zur Folge, dass sein Sortenprofil wenig bekannt ist. Allzu leicht ist es auch nicht greifbar. Selbst wenn man ihn schon mal getrunken hat, leicht erschließt er sich einem nicht.

Saint Laurent hat zunächst ein gutes Farbpotenzial (granatrot bis violett), deutlich mehr als ein Spätburgunder, mit dem er gerne verglichen wird, aber nicht verwandt ist. Sind seine Trauben gut ausgereift (in der Regel vor dem Spätburgunder) bringen sie recht hohe Extraktwerte mit sich und gleichzeitig ist das Säurepotenzial groß. Die Gerbstoffe variieren je nach Reife von rau bis samtig. So können recht kräftige Weine mittleren Körpers entstehen, die zudem eine herzhafte Säurefrische mit sich bringen. So kommt es zu dem eigenwillig säuerlich-fruchtigen Stil des Saint Laurent, der in dem Moment richtig spannend wird, wenn genug Substanz mit ins Spiel kommt.

Das Aroma ist vielfältig, da jeder Standort (und der muss für die Sorte gut sein) unterschiedliche Ausprägungen mit sich bringt. Sauerkirsche ist im Rohzustand das am häufigsten zitierte Vergleichsaroma, oder einfach Kirsche, Wildkirsche, je nach Reife auch Herzkirsche. Rote Johannisbeere, auch Himbeere ist bei jungen Weinen das Pendant zur Sauerkirsche, bei leichten, jungen Weinen auch Veilchen. Ab da geht’s über in die ganze Beerenfruchtpalette, oft Waldbeeren, und schließlich lässt der Ausbau viele weitere Spielmöglichkeiten zu.

Holz ist da natürlich ein wichtiges Thema. Wenn man sich schon die Mühe macht, eine sich derart zierende Sorte zu erziehen, dann bestimmt nicht zum einfachen Zechwein. So wird beim Saint Laurent meist nach Höherem gestrebt. Für viele Gewächse leisten sich die Winzer daher einen Barrique-Ausbau oder die Weine kommen ins große Holzfass. Der Barrique-Ausbau mag überraschen, könnte man doch meinen, dass eher eine subtile Pinot-Typik gesucht wird, statt stoffige Konzentration mit starken Holz-Aromen. Doch dieser Stil wird immer noch als Messlatte für internationale Vergleichbarkeit gesehen, wobei heute das gestiegene Know-how im Holzfass-Ausbau für deutlich subtilere deutsche Rotweine gesorgt hat. Der Barrique-Einfluss wird von erfahrenen Kellermeistern heute zurückhaltender gehandhabt. Farbe und Aroma, Extrakt und Säure: 
Reife Saint-Laurent-Trauben haben das Zeug zu spannenden Weinen. Saint Laurent hat in der Pfalz nach dem Spätburgunder das größte Potenzial für hochwertige Rotweine.

Text: Michael Hornickel [mHo]
Fotos: gliglag.de

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Saint Laurent – Das verkannte Talent
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Saint Laurent – Das verkannte Talent
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Ein Pfälzer rettete die Rebsorte einst vor dem Aussterben. Heute bescheinigen Fachleute ihr ein großes Potenzial. Was ist überhaupt Saint Laurent, wo stammt er her, und wie schmeckt er eigentlich? Ein Sortenprofil.
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